Der Herbst vor 25 Jahren: Als nicht nur Blätter gefallen sind…

Der Herbst 1989

4. September: In Leipzig versammeln sich nach dem traditionellen Friedensgebet mehrere hundert Menschen vor der Nikolaikirche. Sie fordern Reisefreiheit und die Abschaffung der Staatssicherheit (Stasi). Daraus entstehen die Montagsdemonstrationen.

10. September: In Grünheide bei Berlin gründet sich die DDR- Reformbewegung „Neues Forum“. Anfangs als „staatsfeindliche Plattform“ abgelehnt, wird sie am 8. November als politische Vereinigung zugelassen.

 11. September: Mehrere tausend DDR-Bürger, die in Ungarn ausharren, dürfen von 00.00 Uhr an nach Österreich ausreisen. Bereits im Mai hatte Ungarn mit dem Abriss des „Eisernen Vorhangs“ an seiner Westgrenze begonnen.

30. September: Nach wochenlangem Tauziehen erklärt sich die DDR- Regierung bereit, die mehr als 6300 Flüchtlinge in den bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau in die Bundesrepublik „auszuweisen“. Sie fahren in den Westen.

7. Oktober 1989: Bei seinem Besuch zum 40. Jahrestag der DDR mahnt der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow grundlegende Reformen an. Zehntausende DDR-Bürger protestieren gegen das SED-Regime. Zahlreiche Demonstranten werden festgenommen.

9. Oktober: Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ demonstrieren in Leipzig 70 000 Bürger. 8000 bewaffnete Polizisten, Angehörige der Kampfgruppen und Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) stehen bereit. Der Einsatzbefehl wird aber nicht gegeben.

14. Oktober: Am Morgen trifft der 50 000. DDR-Flüchtling seit Öffnung der ungarischen Grenze in der Bundesrepublik ein.

18. Oktober: Egon Krenz löst Erich Honecker als SED- Generalsekretär ab. Krenz verkündet die Einleitung einer „Wende“, mit der die SED wieder in die politische und ideologische Offensive gehen will.

23. Oktober: In Leipzig beteiligen sich an der bis dahin größten Protestkundgebung in der DDR knapp 300 000 Menschen.

26. Oktober: Erstmals findet ein Treffen von SED und Opposition statt. Der Ostberliner SED-Bezirkschef Günther Schabowski empfängt die Initiatoren des Neuen Forums, Bärbel Bohley und Jens Reich.

29. Oktober: Bei einer Großveranstaltung in Ost-Berlin stellen sich Spitzenfunktionäre zum ersten Mal der Diskussion mit der Bevölkerung.

30. Oktober: In Leipzig gehen rund 250 000 Demonstranten mit Transparenten wie „Ein Land ohne Mauern“ auf die Straße. Die „Aktuelle Kamera“ des DDR-Fernsehens berichtet erstmals live vom Ort des Geschehens.

3. November: Alle 4500 DDR-Bürger in der bundesdeutschen Botschaft in Prag dürfen ohne Formalitäten in die Bundesrepublik ausreisen.

4. November: Bei einer Kundgebung auf dem Alexanderplatz in Ost- Berlin demonstrieren nahezu eine Million Menschen für Versammlungs- und Meinungsfreiheit.

6. November: Die DDR erlebt die größte Demonstrationswelle. Bei Protesten in Leipzig ist die Stimmung der rund 200 000 Teilnehmer aggressiv. Sie fordern: „Die Mauer muss weg“.

7. November: Die DDR-Regierung tritt zurück, tags darauf auch das SED-Politbüro. Krenz wird als Generalsekretär bestätigt. Im neu formierten Politbüro, dem höchsten Machtzirkel, herrscht Konfusion.

9. November 1989: Überraschend werden die Grenzübergänge geöffnet. Noch in der Nacht strömen Tausende zu einem Besuch in den Westen.

Quelle:

http://www.focus.de/politik/deutschland/geschichte-der-herbst-1989-und132wir-sind-das-volkund147_aid_452363.htmlARD Tagesschau – Zehn Tage im November 1989

Reihe von Videos:

Mauerfall

Am 4. November 1989 versammeln sich fast eine Million Menschen zu einer genehmigten Kundgebung auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin. Sie fordern Reformen in der DDR. Vier Tage später tritt das Politbüro geschlossen zurück. Bei der Neuwahl wird das Gremium von 21 auf 11 Mitglieder verringert. Die wichtigsten Repräsentanten der Honecker-Ära sind gestürzt. Am 9. November 1989, um 18:57 Uhr, stellt sich Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros, der Presse und verliest stockend “von einem Zettel, den mir jemand zugesteckt hat”, wie er später bekennt, einen Beschluss des Ministerrats: “Privatreisen nach dem Ausland können ohne Voraussetzungen (…) beantragt werden (…). Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin (West) erfolgen.” Die Weitergabe der Nachricht ist von der DDR-Regierung nicht autorisiert, sie sollte erst am Morgen des 10. November veröffentlicht werden.Die überraschende Meldung verbreitet sich blitzartig im ganzen Land. Noch in der Nacht eilen Tausende an die Mauer in Berlin. Ohne Befehl öffnen Grenzsoldaten die Übergänge und in einem Freudentaumel ohnegleichen fallen sich fremde Menschen aus Ost und West in die Arme. Am Wochenende setzt sich eine Menschenflut in Bewegung. In endlosen “Trabi”- und “Wartburg”-Schlangen fahren sie in die Bundesrepublik und nach West-Berlin zu ihren Verwandten oder zu einem Bummel in die “Einkaufsparadiese”. Jeder bekommt 100 DM “Begrüßungsgeld” der Bundesrepublik.

Weiter lesen:

http://www.hdg.de/leipzig/ausstellungen/dauerausstellung/rundgang/friedliche-revolution-1989/

Öffnung und Fall der Mauer

Am frühen Abend des 9. November 1989 kurz vor 19:00 Uhr gab ZK-Sekretär Günter Schabowski am Ende einer Pressekonferenz eher beiläufig das Inkrafttreten einer neuen Reiseregelung für DDR-Bürger bekannt.

Nach langem Drängen der Bevölkerung hatte die SED-Führung am 6. November den Entwurf für ein Reisegesetz veröffentlicht, vom dem sie aber zunächst nur einen Teil – nämlich die Regelung für die Ausreise ohne Rückkehrrecht – in Kraft setzen wollte. Damit sollte vor allem der anhaltende Ausreisestrom über die CSSR gestoppt werden. Unter dem Druck der Demonstrationen in Leipzig, Berlin und weiteren Städten, die gegen den Gesetzentwurf protestierten, war die Regelung am Vormittag des 9. Novembers noch einmal überarbeitet worden. Sie enthielt nun auch eine Besuchsregelung: Ein Visum für Privatreisen mit Rückkehrecht sollte künftig ohne besondere Voraussetzungen und Wartezeiten ausgestellt werden.

Während der Pressekonferenz äußerte sich Schabowski dann vorzeitig zu der neuen Regelung. Aufgrund von Abstimmungsfehlern erklärte er den überraschten Journalisten, dass Privatreisen ins Ausland nun “ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen – beantragt werden“ könnten. Die Genehmigungen würden kurzfristig erteilt; die Regelung gelte nach seiner Kenntnis „sofort, unverzüglich“.

Nachdem die Abendnachrichten der ARD die Schabowski-Äußerung um 20:00 Uhr als wichtigste Meldung unter der Schlagzeile „DDR öffnet die Grenze“ verbreitet hatten, versammelten sich vor den Übergangsstellen nach West-Berlin mehr und mehr Ost-Berliner, die von dem neuen Recht sofort Gebrauch machen wollten. Für die Grenzposten, die keinerlei Instruktionen hatten, war die Lage zunächst völlig unklar.

Um den Druck der Massen zu mindern, ließen die Posten am Grenzübergang Bornholmer Straße um 21:20 Uhr die ersten DDR-Bürger nach West-Berlin ausreisen. Allerdings ließ der Leiter der Passkontrolleinheiten ihre Pässe ungültig stempeln, was die Ausbürgerung der ahnungslosen Inhaber bedeutete. Gegen 23:30 Uhr war der Ansturm der Menschen [Film 13,31 MB] jedoch so groß, dass der Leiter der Passkontrolleinheiten, der noch immer ohne offizielle Dienstanweisung war, den Schlagbaum endgültig öffnete. Ca. 20.000 Menschen konnten in der folgenden Stunde ohne Kontrolle die Bösebrücke passieren. Auch die anderen innerstädtischen Grenzübergänge wurden im Verlauf des späten Abends geöffnet. Infolge der friedlichen Revolution in der DDR und der politischen Veränderungen in den Staaten Ost-Europas war in dieser Nacht die Berliner Mauer gefallen.

Auch an den folgenden Tagen wurde an den Übergängen nach West-Berlin auf alle Formalitäten verzichtet [Film 1,36 MB]. Die ganze Stadt befand sich im Freudentaumel. Auf dem Kurfürstendamm herrschte mehrere Tage lang Volksfeststimmung, viele Restaurants verteilten kostenlos Getränke an die Besucher. Nach mehr als 28 Jahren hatte die Mauer endlich ihren Schrecken verloren.

In der Folgezeit wurden immer mehr Übergänge zwischen den beiden Stadthälften geschaffen, am 22. Dezember 1989 auch am Brandenburger Tor. Der Abriss der innerstädtischen Mauer erfolgte in der Hauptsache von Juni bis November 1990. Souvenirjäger aus der ganzen Welt, die sogenannten Mauerspechte, hatten sich da bereits ein Stück vom Symbol des Kalten Krieges und seiner Überwindung gesichert. Heute können Interessierte den früheren Verlauf der Mauer über 20 Kilometer im Zentrum der Stadt nachvollziehen. Er ist im Boden durch eine doppelte Großsteinpflasterreihe gekennzeichnet. Die Breite des Grenzstreifens und der Aufbau der Grenzanlagen wird am besten in der Gedenkstätte Berliner Mauer, Bernauer Straße 111, veranschaulicht.

Quelle:

http://www.berlin.de/mauer/oeffnung/index.de.html

Reihe von Videos:

Der Bau der Berliner Mauer

Rund 2,7 Mio. Menschen hatten zwischen 1949 und 1961 die DDR und Ost-Berlin verlassen: ein Flüchtlingsstrom, der etwa zur Hälfte aus jungen Leuten unter 25 Jahren bestand und die SED-Führung vor immer größere Schwierigkeiten stellte. Täglich passierten rund eine halbe Million Menschen in beide Richtungen die Sektorengrenzen in Berlin und konnten so die Lebensbedingungen vergleichen. Allein 1960 gingen etwa 200.000 Menschen dauerhaft in den Westen. Die DDR stand kurz vor dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenbruch.

Noch am 15. Juni 1961 erklärte der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht, niemand habe die Absicht eine Mauer zu errichten [Film 0,81 MB]. Am 12. August 1961 gab der Ministerrat der DDR bekannt: “Zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeit der revanchistischen und militaristischen Kräfte Westdeutschlands und West-Berlins wird eine solche Kontrolle an der Grenze der Deutschen Demokratischen Republik einschließlich der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist.” Dass sich diese Maßnahme in erster Linie gegen die eigene Bevölkerung richtete, der in Zukunft der Grenzübertritt untersagt war, erwähnte der Ministerrat nicht.

In den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 [Film 5,80 MB] wurden an der Grenze des sowjetischen Sektors zu West-Berlin provisorische Absperrungen errichtet und an den Verbindungsstraßen das Pflaster aufgerissen. Einheiten der Volkspolizei, der Transportpolizei sowie der sogenannten Betriebskampfgruppen unterbanden jeglichen Verkehr an der Sektorengrenze. Wohl nicht ohne Hintersinn hatte die SED-Führung einen Ferien-Sonntag im Hochsommer für ihre Aktion ausgewählt.

In den nächsten Tagen und Wochen wurden die Stacheldrahtverhaue an der Grenze zu West-Berlin von Ost-Berliner Bauarbeitern unter scharfer Bewachung durch DDR-Grenzposten mit einer Mauer aus Betonplatten und Hohlblocksteinen ersetzt. Wohnhäusern, wie z.B. in der Bernauer Straße, in der die Gehwege zum Bezirk Wedding (West-Berlin), die südliche Häuserzeile aber zum Bezirk Mitte (Ost-Berlin) gehörten, wurden in die Grenzbefestigung einbezogen: Kurzerhand ließ die DDR-Regierung Hauseingänge und Erdgeschoss-Fenster zumauern. Die Bewohner konnten ihre Wohnungen nur noch von der Hofseite betreten, die in Ost-Berlin lag. Bereits im Jahr 1961 kam es zu zahlreichen Zwangsräumungen – nicht nur in der Bernauer Straße, sondern auch in anderen Grenzbereichen.

Durch den Mauerbau wurden von einem Tag auf den anderen Straßen, Plätze und Wohnquartiere geteilt und der Nahverkehr unterbrochen. Am Abend des 13. August sagte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt vor dem Abgeordnetenhaus: “(…) Der Senat von Berlin erhebt vor aller Welt Anklage gegen die widerrechtlichen und unmenschlichen Maßnahmen der Spalter Deutschlands, der Bedrücker Ost-Berlins und der Bedroher West-Berlins (…)”.

Am 25. Oktober 1961 standen sich amerikanische und sowjetische Panzer am “Ausländerübergang” Friedrichstraße (CheckpointCharlie) gegenüber: DDR-Grenzposten hatten zuvor versucht, Repräsentanten der Westalliierten bei Einfahrt in den sowjetischen Sektor zu kontrollieren. Dieses Vorgehen verstieß in den Augen der Amerikaner gegen das alliierte Recht auf ungehinderte Bewegungsfreiheit in der ganzen Stadt. 16 Stunden standen sich so, nur wenige Meter voneinander entfernt, die beiden Atommächte direkt gegenüber. Für die Zeitgenossen ein Moment allerhöchster Kriegsgefahr. Einen Tag später erfolgt auf beiden Seiten der Rückzug. Durch eine diplomatische Initiative von US-Präsident Kennedy hatte der sowjetische Staats- und Parteichef Chruschtschow für diesmal den Vier-Mächte Status von ganz Berlin bestätigt.

In der Folgezeit wurden die Sperranlagen weiter aus- und umgebaut und das Kontrollsystem an der Grenze perfektioniert. Die innerstädtische Mauer, die Ost- von West-Berlin trennte, hatte eine Länge von 43,1 Kilometern. Der Teil der Sperranlagen, der die übrige DDR an der Grenze zu West-Berlin abriegelte, war 111,9 Kilometer lang. Weit über 100.000 Bürger der DDR versuchten zwischen 1961 und 1988 über die innerdeutsche Grenze oder über die Berliner Mauer zu fliehen. Weit mehr als 600 Menschen wurden von Grenzsoldaten der DDR erschossen oder starben bei Fluchtversuchen; allein an der Berliner Mauer gab es zwischen 1961 und 1989 mindestens 136 Tote.

Quelle:

http://www.berlin.de/mauer/geschichte/index.de.html

Video:

Reihe von Videos:

Das neue Deutschland

So schnell und erfolgreich die “äußere Einheit” nach 1990 hergestellt wurde, so schleppend verläuft der Prozess der “inneren Einheit”: das Zusammenwachsen der Deutschen. Insgesamt hat sich die politische und mentale Spaltung zwischen den beiden Teilgesellschaften im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre eher verfestigt als verflüchtigt. Die neuen Institutionen sind vielen Ostdeutschen fremd geblieben. Die Ernüchterung über die Realität führte nicht nur bei Ewiggestrigen zu einer Renaissance sozialistischen Gedankenguts, wonach die kapitalistische Bundesrepublik von sozialer Kälte beherrscht werde, auch ostdeutsche Normalbürger sahen sich als vom Westen bzw. vom Kapitalismus unterdrückt und ausgebeutet. Hiervon profitierte vor allem die erst in PDS und jetzt in “Die Linke” umbenannte SED, die bei Wahlen ihren relativen Stimmenanteil in Ostdeutschland verdoppeln konnte und sich nicht zuletzt durch die Popularität von Oskar Lafontaine auch im Westen ausbreitete.

Mit der praktizierten Demokratie zufrieden äußerte sich im Jahre 2009 nur gut jeder dritte Ostdeutsche; eine gute Meinung über das Wirtschaftssystem hatte nur gut jeder vierte. Doch auch unter Westdeutschen bröckelt die Zustimmung. Während zu Beginn der Vereinigung etwa 80 bzw. 60 Prozent mit Demokratie und Wirtschaftssystem einverstanden waren, verringerten sich die Anteile auf 76 bzw. 43 Prozent. Diesen Ergebnissen entspricht die Quote derjenigen, die davon ausgehen, dass die Demokratie prinzipiell die Probleme in Deutschland lösen kann. Diese Annahme teilen knapp zwei Drittel in den alten und etwa jeder Dritte in den neuen Ländern. Es besteht also weiterhin eine beträchtliche Differenz zwischen Ost und West in der Beurteilung der politischen Ordnung und des Wirtschaftssystems.[14] Einige Jahre zuvor lagen – unter dem Eindruck des konjunkturellen Einbruchs – die Zustimmungsraten sowohl im Osten als auch im Westen sogar noch deutlich niedriger. So glaubten 2007 nur jeder knapp jeder Zweite im Westen und jeder Vierte im Osten, dass die Demokratie fähig sei, Probleme zu lösen. Eine ähnliche Tendenz ist bei den Antworten auf die Frage, ob die Gesellschaftsordnung verteidigenswert ist, zu erkennen. Die Anteile derjenigen, die dies bejahten, stiegen zwischen 2005 und 2009 im Westen von 55 auf 68 Prozent und im Osten von 32 auf 37 Prozent. Dahinter verbirgt sich eine nicht unbeträchtliche Zahl von Personen in beiden Landesteilen, die Deutschland offenbar als “Wohlstandsdemokratie” betrachtet.

Trotz aller Kritik im Detail und einem Unbehagen an der Einheit generell ist sich jedoch eine sehr breite Mehrheit in den östlichen und eine Mehrheit in den westlichen Bundesländern darin einig, die Wiedervereinigung eher mit Freude als mit Sorge zu betrachten. Zurück in die reale Vergangenheit will im Osten nur eine kleine Minderheit, etwa jeder Zehnte. Die anderen, die zur nostalgischen Verklärung der DDR neigen, sehnen sich nach einer im Nachhinein konstruierten und idealisierten Gesellschaft zurück, die ihnen das verlorene Vertraute zumindest in den Träumen wiedergibt.[15] Anders sieht es im Westen aus: Hier beurteilt eine absolute Mehrheit die Zeit vor 1989 besser als die Zeit nach der Wiedervereinigung. Die Dimension von “Westalgie” übertrifft – von der Öffentlichkeit kaum beachtet – insofern die der “Ostalgie”.

Eine breite Mehrheit der Ostdeutschen möchte die heutigen Lebensverhältnisse nicht missen und keineswegs mehr mit denen in der DDR tauschen, aber sie fühlen sich oft von ihren Landsleuten missverstanden. Sie beklagen insbesondere eine fehlende Anerkennung ihrer Lebensleistung, die jedoch weder bezogen auf West- noch auf Ostdeutsche pauschal erfolgen kann. Es geht um die individuelle Lebensleistung, der Anerkennung gebührt, keineswegs um die Gleichsetzung von System und Lebenswelt. Gerade an dieser Differenzierung mangelte es in den vergangenen zwanzig Jahren. Westdeutsche rechneten sich die Überlegenheit ihres Systems zu und werteten gleichzeitig Ostdeutsche gemeinsam mit ihrem System ab. Erst wenn dieses Missverständnis ausgeräumt ist, kann das Zusammenwachsen ohne individuelle oder sogar kollektive Kränkungen gelingen. Dabei darf jedoch die notwendige Delegitimierung des SED-Regimes, der sozialistischen Diktatur, nicht zugunsten individueller Lebensleistungen aufgegeben werden. Ansonsten geht die zweite Säule des wiedervereinigten Deutschlands verloren: das Bekenntnis zu einer freiheitlich-demokratischen, mithin zivilen Gesellschaft.

Weiter lesen:

http://www.bpb.de/apuz/32608/deutschland-nach-der-wiedervereinigung?p=all

Video:

http://www.srf.ch/player/tv/srf-wissen/video/deutschland-von-der-teilung-bis-zur-wiedervereinigung?id=1704f0ae-07e6-4806-9849-91acb2ffcbec

Reihe von Videos:

Wiedervereinigung – Fluch oder Segen?

1989 ist ein Schicksalsjahr in der Geschichte Deutschlands. Ein Land, das nach dem Zweiten Weltkriegentzweit wurde, wird wieder vereint. Familien werden zusammen geführt, alte Kontakte wieder neu aufgenommen. Die “Wiedervereinigung” war ein Glücksmoment in der bisher eher dunklen Geschichte der DDR.
Doch gleichzeitig bedeutete die “Wiedervereinigung” auch die Zerstörung eines Staatssystems. Natürlich endete auf diese Weise auch die Bespitzelung durch die Staatssicherheit (Stasi). DDR–Bürger, die sich mit dem westlichen System nicht auskannten, wurden betrogen und mussten den egoistischen Kapitalismus am eigenen Leibe erfahren. Menschen waren auf einmal arbeitslos. Selbstverständlich wurden mit der Wiedervereinigung nicht alle Träume erfüllt, es gab wirtschaftliche Probleme und sicherlich war für viele DDR–Bürger der Untergang ihrer geliebten Heimat ein schwerer Verlust. Doch kann man die Wiedervereinigung verteufeln, nur weil sie auch Probleme mit sich gebracht hat?
Schließlich hat es in der DDR auch zuvor Probleme gegeben. Nicht nur die Überwachung durch die Stasi und der übergroße Druck waren für viele Menschen schwer zu ertragen. Auch die Einschränkung der Meinungs- und Reisefreiheit hinderte die Bevölkerung, ihre Lebensträume zu verwirklichen. Viele DDR–Bürger wollte raus in die Welt. Dies erklärt auch, weshalb sich die DDR–Bevölkerung nach der Wende so sehr zerstreut hat. Marco Graba ist in der DDR aufgewachsen und erzählt: „Meine Freunde sind Tänzer in Paris, Erdbeerpflücker in Griechenland, Versicherungsvertreter in Aachen und Architekten in Norwegen geworden!“ Nur Dank der Wiedervereinigung hatten diese jungen Menschen überhaupt die Möglichkeit, so zu leben, wie sie es sich wünschen. Außerdem hat die Mauer Familien gegen ihren Willen zertrennt.
Auch Helen Warnat konnte aufgrund der innerdeutschen Grenze ihre Verwandtschaft im Westen nicht sehen. „Nach dem Mauerfall sind wir sofort nach Hamburg zu meinem Onkel gefahren“, erinnert sich die heutige Lehrerin begeistert. Nur durch die Wiedervereinigung sind all diese Erlebnisse möglich geworden.
Zwar hat es wirtschaftliche Probleme beim Wiederaufbau gegeben, doch diese sind mittlerweile weitestgehend bewältigt. Dass es heute noch Menschen gibt, die die Wiedervereinigung als negativ verstehen, ist unbegreiflich. Es kann in keinem Fall negativ sein, wenn sich ein Volk entscheidet, in einer Demokratie zu leben und eine Diktatur abzuschaffen. Seit der Wiedervereinigung geht es zum größten Teil auch der ehemaligen DDR – Bevölkerung besser, da die Unterdrückung ein Ende genommen hat.
Das zeigt doch, dass die Wiedervereinigung trotz kleiner, anfänglicher Probleme den Menschen die Rettung vor einer korrupten Diktatur gebracht hat!

Andererseits wurden mit der Wiedervereinigung nicht nur viele Träume erfüllt, sondern auch viele zerstört. Nach der Wende stiegen die Arbeitslosenzahlen in der ehemaligen DDR um ein Vielfaches gegenüber den alten Bundesländern. Dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen hatte dies mit dem großen Sanierungsstau in den Betrieben der ehemaligen DDR zu tun. Käufer der Betriebe wurden dadurch abgeschreckt, dass selbst in den modernsten Betrieben der DDR die Technik noch lange nicht auf dem neuesten Stand war. Außerdem war in DDR Zeiten eine Überbeschäftigung vorhanden. Die Zahl der beschäftigten Arbeitskräfte in den neuen Bundesländern sank wegen Privatisierungen, Ausgründungen und betriebsbedingten Kündigungen von 4,1 Millionen Mitte 1990 auf 1,24 Millionen am 1. April 1992. Das größte Problem war aber die Umrechnung der DDR-Mark in DM. Dabei passierte eine Aufwertung der Währung um 400%. Hätte man den korrekten Währungskurs benutzt, wäre der Wohlstand der DDR-Bürger gesunken und dies wäre für die politische Lage kontraproduktiv gewesen. Die DDR Unternehmen wurden durch d i e s e Aufwertung unprofitabel und es wurden viele Arbeitsplätze überflüssig. Außerdem fanden viele Unternehmen keine Käufer und die Unternehmen wurden mit einer gewissen Zufälligkeit verteilt. Es gab kaum Käufer aus der DDR. Zudem unterschätzte die Bundesregierung die wirtschaftliche Bindung an den Ostblock. Abschließend kann man sagen, dass die Treuhand keine effizient arbeitende Privatisierungsagentur war. Man muss aber auch berücksichtigen, dass im Zeitraum 1980-1987 weltweit nicht einmal 1000 Privatisierungsmaßnahmen von Staatseigentum durchgeführt wurde, die Treuhand musste mehrere 1000 Unternehmen in sehr kurzer Zeit privatisieren. Es sind viele Fälle von Fördermittelmissbrauch und Wirtschaftskriminalität bekannt, vor allem aus der Anfangszeit der Treuhand. Der ehemaligen Volkswirtschaft der DDR entstanden 3 bis 10 Milliarden DM Schaden. Außerdem wurde sich in mehreren Fällen fälschlicherweise am Westen orientiert. Produkte aus dem Osten waren nichts mehr wert. Bücher wurden nicht mehr gekauft, weil sie aus ostdeutschen Verlagen stammten. Es war ein viel zu großes Streben nach dem Westen vorhanden. Helen Warnat erzählte zum Beispiel, dass sich jede Woche die Schulbänke lichteten. Sehr viele Familien zogen in den Westen. Das ist heute immer noch so. Die
Binnenmigration von Ostdeutschland nach Westdeutschland ist sehr groß. Man kann an der Statistik erkennen, dass vor allem in den Jahren nach der Wende sehr viele Menschen nach Westdeutschland zogen. Die Zahl der Leute, die nach Ostdeutschland zogen, ist seit 1992 nahezu konstant, während die Fortzüge um 2001 einen kleinen Aufschwung erlitten. Dadurch, dass die Zahl der Fortzüge größer ist als die Zahl der Zuzüge, schrumpft die Bevölkerungszahl der neuen Bundesländer stetig. Unternehmen finden keine Arbeitskräfte mehr und die Dörfer vereinsamen.
Außer in den Ballungsräumen der großen Städte (Berlin, Potsdam, Dresden, Erfurt) wird für den Großteil der neuen Bundesländer bis 2020 eine starke Abnahme der Bevölkerung prognostiziert. Heutzutage wollen viele ostdeutsche Bürger die DDR zurück, sei es aus Nostalgie oder sei es, weil alles heute schöngeredet wird. Laut Marco Graba hat man nie eine Wiedervereinigung mit der BRD erreichen wollen, man wollte eine bessere DDR, einen zweiten deutschen, demokratischen Staat. Heute weiß man, dass dieses Ziel idealistisch war und nie geklappt hätte. Bei der Eingliederung in die BRD wurde alles aus der DDR schlecht geredet. Die Verfassung der DDR wurde an das Grundgesetz der BRD angeglichen. Man hätte eine komplett neue Verfassung machen müssen, da laut Grundgesetz (Artikel 146) ein komplett neuer Staat hätte entstehen müssen. Das Grundgesetz sollte eigentlich nur vorübergehend gelten, bis Deutschland wieder ein Land wird und der Staat eine Verfassung erhält.

Weiter lesen:

http://jugendreporter-wettbewerb.de/wette/die-wiedervereinigung-eine-wirkliche-erfolgsgeschichte/

Video:

Wolfgang Becker – Good Bye Lenin (2003)
Video:

https://www.youtube.com/watch?v=OoinsDXZ59c

David Bowie – Heroes (1977)

Video:

Gropiuslerchen – Berlin Berlin (Die Mauer ist weg) 1989

Video:

Roger Waters – The Wall in Berlin (1990)

Video:

John Watters – “9-11-9”

Video:

http://www.spiegel.de/kultur/musik/mauerfall-song-von-john-watts-ein-lied-fuer-berlin-a-660207.html

Rainer Maria Rilke – Herbst (11.9.1902)

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

Quelle:

https://www.gedichte.com/threads/176121-Rainer-Maria-Rilke-Herbst

Video:

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